Schweden, das heisst Schwedens Natur ist so hinreißend, dass ich erst heute - am dritten Tage unseres Urlaubs- dazu komme den Reisebericht zu beginnen. Wahrscheinlich wird es auch kein Reisebericht herkömmlicher Art, da eine Schwedenreise auch ein außergewöhnlicher Urlaub ist. Während meine Reiseberichte sonst jeden Tag eine neue Sehenswürdigkeit oder einen sonstigen kulturellen Höhepunkt beschreiben, wird dieser sich eher mit der Einzigartigkeit der Natur beschäftigen. Dies liegt zum einen daran, dass die Natur wirklich überwältigend ist und zum anderen, dass Schwedens Sehenswürdigkeiten in dem großen land recht dünn gesät sind. Trotzdem werden wir einige besuchen und auch darüber berichten. Nun aber mal schön der Reihe nach.

27.07.2003

Erster Tag der Reise, wenn auch die Datumsangabe nicht ganz korrekt ist, denn eigentlich sind wir am 26.07. gegen 22.00 Uhr nach einer Feier bei dem Chef von Konstanze gestartet. Da ich am Nachmittag ein wenig geschlafen hatte bewältigte ich die rund 1400 km fast alleine, während der Rest der Familie um mich herum schlief. Das Auto war zum Bersten voll gepackt, da wir von allen Seiten gehört hatten, dass in Schweden die Lebensmittel extrem teuer sein sollten. Also hatten wir im Vorfeld gut eingekauft und das Auto bis unters Dach mit Essbarem gefüllt, so dass wir in Schweden keinen Supermarkt betreten müssen. Gegen 02.00 Uhr überquerten wir die Öresundbrücke, die Dänemark und Schweden verbindet. Leider konnte man nichts sehen, denn zum einen war es dunkel und zum anderen waberte dicker Nebel über dem Meer. Auch in Südschweden lichtete sich der Nebel kaum. Erst etwa 200 km südlich von Falun, wo wir gegen 11.00 Uhr vormittags ankamen, schwand der Nebel und ein strahlend blauer Himmel kam zum Vorschein.
Das Haus zu finden erwies sich aufgrund der dürftigen Wegbeschreibung, die wir vom Touristenbüro erhalten hatten, als ausgesprochen schwierig, so dass wir erst mit Hilfe einiger sehr freundlicher Schweden das hübsche gelbe Holzhäuschen fanden. Das Haus liegt inmitten eines herrlichen Mischwaldes voller tragender Blaubeerbüsche am Ufer des Sees Runn. Neben dem Bootssteg befindet sich der sandige Einstieg in den See, an den anderen Stellen ist das Ufer recht felsig. Rechts und links davon säumen gelb und weiss blühende Seerosen den Uferbereich. Von der Terrasse des Hauses schweift der Blick über den spiegelglatten See zum anderen Ufer, welches ebenfalls bewaldet ist. Man hat den Eindruck, dass man irgendwo im Nirgendwo ist, fühlt sich aber sofort von der Ruhe und Gelassenheit umschlossen und geborgen. Da wir an einem Sonntag ankamen, in Schweden auch Ferien sind und in diesem Land das Jedermannsrecht herrscht, waren ein paar Leute an „unserem" See. Das schwedische Jedermannsrecht ist viele Jahrhunderte alt und erlaubt Jedem jedes Grundstück zu betreten, in jedem See zu baden und überall (außer in eingezäunten Gärten) Beeren, Pilze und Holz zu sammeln. Man darf überall campen und Feuer machen, außer in direkter Nähe zu Wohnhäusern.
Nachdem wir unsere Sachen ausgepackt hatten, legten wir uns erst einmal in die Sonne, bzw. sprangen in das erfrischende Nass des Sees. Es kostete schon einige Mühe nicht einzuschlafen, da mich nun der fehlende Schlaf wie ein Keulenschlag traf. Das kalte Wasser des Sees milderte zwar die Symptome ein wenig, aber jetzt half nur noch ein wenig Abwechslung. Also zogen wir uns an und fuhren in das 5 km entfernte Falun. Das war auch ganz gut so, denn Konstanze hatte die Kraft der Sonne ein wenig unterschätzt und sich einen leichten Sonnenbrand zugezogen, der sie die folgenden Tage schmerzhaft daran erinnern sollte, das Eincremen nicht zu vergessen. Viele Sehenswürdigkeiten gibt es in Falun nicht, aber die riesige Kupfergrube inmitten der Stadt ist nicht nur sehenswert, sondern auch als Weltkulturerbe bei der UNESCO gelistet. Wir besichtigten die Anlage nur von außen, denn inzwischen hatte sich der Himmel ein wenig bezogen und wir wollten die Einfahrt in die 55 Meter tiefe Grube an einem anderen Tag machen. Auch ich werde mit der Beschreibung der Mine und den historischen Zusammenhängen warten und dies an einer späteren Stelle dieses Berichtes nachholen. Als wir zurückgekehrt waren, waren auch die „Seegäste" verschwunden und die Natur gehörte und ganz alleine. Während Konstanze und ich das Abendbrot vorbereiteten, sammelten die Kinder im Wald Blau- und Himbeeren, die uns als kleiner Nachtisch das Essen versüßen sollten. Nach dem Abwasch: endlich ein schönes Holzbett erwartete uns und ließ uns herrlich und tief schlafen.

28.07.03

Erstaunlich, aber schon um 07.00 Uhr erwachten wir und statt einer Dusche in der separaten Duschhütte (typisch schwedisch) sprangen wir in den See. Die plötzliche Kühle vertrieb die letzten Fasern der Müdigkeit und so waren wir nach dem Frühstück bereit für die kommenden Erlebnisse dieses Tages.
Heute stand „Elchjagd" auf dem Programmzettel. Mein Sohn Lars, als ausgesprochener Elchfan, war ja eigentlich auch mit daran Schuld, dass wir dies Jahr nach Schweden fuhren, denn wir wollten ihm seinen Herzenswunsch erfüllen, einmal in das land seiner träume zu fahren. Eigentlich mehr aus Spaß suchten wir im Internet nach Häusern in Schweden und waren überrascht, wie günstig diese zu mieten waren. Mehr in der Überzeugung, dass alles ausgebucht sei, fragten wir vor etwa einem Monat bei einem Haus, welches uns sehr gut gefiel, an, ob es frei wäre. Schon am nächsten Tag kam die positive Antwort, so dass wir daraufhin buchten.
Zurück zu den Geschehnissen des Tages. Wir fuhren kurz nach Falun um dort bei einer Tankstelle eine detaillierte Karte der Umgebung zu erstehen und dann weiter ins riesige Meer schwedischer Wälder. Man kann auf den sehr gut ausgebauten Straßen viele hundert Kilometer fahren, ohne auch nur einen anderen Autofahrer zu treffen. Während meine Frau sich auf die Straße konzentrierte und im ersten Gang die Straße entlang dümpelte, hielten wir anderen nach Elchen Ausschau. Wenn man hört, dass jeder 5. Verkehrsunfall in Schweden auf eine Kollision mit Elchen beruht, kann man sich vorstellen, dass Konstanzes Aufgabe die Wichtigste war. Nachher hätten wir alle Elche am Straßenrand gesucht und hätten dann einen auf der Kühlerhaube zu sitzen gehabt. Nach etwa einer Stunde sichtete unser großer Sohn Daniel eine Elchkuh am Waldrand. Wir stiegen aus und bewunderten das riesige Tier. Dabei war es noch eine recht junge Elchkuh - schätzungsweise eineinhalb Jahre alt, die sich allerdings bei der Annäherung ins Dickicht verzog. Leider reichte die Zeit nicht für ein Foto, aber immerhin haben wir einen Elch gesehen. Etwas später sahen wir noch einen recht kapitalen Hirsch am Wegesrand, der sich auch recht bereitwillig fotografieren lies.
Nach dem Mittagessen fuhren wir dann nach Sundborn (ca. 20 km von Falun entfernt), wo das Haus des berühmten schwedischen Malers Carl Larrson inmitten eines malerischen Dorfes steht. Er hat dieses Dorf mitgeprägt, wie sich an fast allen Gebäuden zeigt. Selbst das um 1902 entstandene Wasserkraftwerk, welches die Kraft des Sundbornsfall mit Hilfe von drei Turbinen in elektrischen Strom wandelt, wurde von ihm mitgestaltet. Dies belegt ein Brief von ihm an den Konstrukteur des Kraftwerkes, in dem es heißt „ .. ich habe jedoch ganz sklavisch die von Dir erhaltene Zeichnung nachgeahmt und das Ganze nur vereinfacht. Die Fenster völlig vierkantig, mit grün gestrichenen Rahmen, das Gebäude selbst weiß verputzt, mit einer einfachen Leiste aus roten und blauen Ziegeln als einzige Verzierung. … Und ein Ziegeldach. Das Ganze wird auf diese Art sehr freundlich und entzückend aussehen, ein wenig wie ein Herrenhaus in Bergslagen. Ach, wenn es doch so würde…" .
Auch die Kirche von 1755 verzierte er um 1905 mit Bildern und gemalten Blumengirlanden. Dazu schrieb er: „ Die kleinen unscheinbaren Blumenmotive, so hoffe ich, tragen zur Gemütlichkeit bei.
Larssons Haus selbst, welches wir mit einer sehr freundlichen schwedischen Führerin besichtigen konnten, ist auch sehr reich mit Jugendstilmotiven verziert und sieht genauso aus, wie auf seinen Bildern. Er selbst liebte das Gemütliche und Schöne, was wohl in seiner recht schweren Kindheit begründet sein mag. 1853 wurde er als Sohn armer Eltern in der Altstadt Stockholms geboren und wurde auf eine Armenschule geschickt. Einer seiner Lehrer erkannte sein künstlerisches Talent und schickte ihn als Dreizehnjährigen an die Kunstakademie. Im Jahre 1877 ging er nach Paris, wo er seine spätere Frau, Karin, kennen lernte. Sie selbst war auch Malerin, hörte aber mit dem Malen auf, als sie Carl heiratete. Danach machte sie viele kunstvolle Webarbeiten, die heute auf dem Kunstmarkt ebenfalls sehr hohe Preise erzielen. Als Larrson am 22.01.1919 stirbt, hinterlässt er viele hundert Zeichnungen, Aquarelle und Ölgemälde. Gerne portraitierte er Menschen aus seinem Heimatdorf, so dass alleine diese Portraits heute ein ganzes Haus - ganz in der Nähe seines Wohnhauses - füllen. Sein Haus selbst musste er immer wieder um- und ausbauen, da sein Raumbedarf mit wachsendem Bekanntheitsgrad wuchs. Umgeben ist das Haus von einem malerischen Garten; eigentlich ein idealer Ort für einen Künstler. Auf dem Friedhof der Gemeinde ist Larrson und seine Familie beigesetzt. Seine Frau ließ auf der Rückseite des Grabsteines folgende Inschrift anbringen: „Jeder Tag mit ihm war ein Feiertag".
Auf dem Rückweg von dem Haus zu unserem Auto, welches wir ein wenig ausserhalb geparkt hatten, lenkten uns unsere Schritte in einen Antiquitätenladen, in dem allerhand Kitsch und Krempel verkauft wurde. .Lars´ Augen weiteten sich, als er an der Wand ein Elchgeweih eines kapitalen Elchbullen erblickte. Hatte er doch schon seit langer zeit für „etwas vom Elch" gespart. Er fragte den Verkäufer auf englisch, was das Geweih denn kosten würde. Dieser sagte ihm, dass er einen preis nennen sollte. Lars rechnete kurz seine Ersparnisse in schwedische Kronen um und nannte den Preis von 1000 Kronen (rund 100 €). Dass der Verkäufer auf diesen Preis nicht einging, war klar, dafür erklärte er ihm aber etwas über das Wachstum von Elchgeweihen. Als wir den Laden schon wieder verlassen hatte, ging Lars noch einmal zurück und bot 1200 Kronen, was der Verkäufer wieder vehement verneinte. Doch Lars gab nicht auf; er wusste, dass wir 2 l Whisky in Deutschland gekauft hatten, da Alkohol in Schweden ein hervorragendes Zahlungsmittel darstellt. Hochprozentiges gibt es in Schweden nur in speziellen Geschäften zu horrenden Preisen zu kaufen. Also ging er nach kurzer Rücksprache mit uns erneut zu dem Händler und bot ihm 1000 Kronen und einen Liter besten Whisky. Der Antiquitätenhändler war wohl von diesem Angebot eines Elfjährigen derart überrascht, dass er dieses Angebot zwar ablehnte, aber ihm das Geweih für 1200 Kronen überließ. Nun ist Lars also stolzer Besitzer eines riesigen Elchgehörns und wir Alten können sehen, wie wir dieses kofferraumfüllende Mitbringsel nach Deutschland bringen. Lars, der seine „Beute" kaum tragen konnte, freute sich jedenfalls riesig über dieses „Schnäppchen".
Den Abend verbrachten wir bei einer Flasche Rotwein am Grill vor unserem Ferienhaus. Erst als die untergehende Sonne gegen 23.00 Uhr die malerische Landschaft in Dunkelheit hüllte, gingen wir ins Bett.