Harzreise Rodishain
01.10.01 Das es so etwas noch gibt. Jedem Ostalgiker hätte es Freudentränen in die Augen getrieben. Die Einrichtung unseres Hotelzimmers hatte nicht nur 40 Jahre DDR überdauert, sondern auch die 12 Nachwendejahre. Einzig der Viessmann-Heizkörper im Bad und die Möglichkeit Westfernsehen via Satellit zu empfangen, störte den Gesamteindruck. Auch die Höflichkeit und Auskunftfreude des Personals hatte noch DDR-Niveau. Ansonsten lag das Hotel sehr idyllisch am Südrand des Harzes fernab jeglicher Zivilisation. Die Stille wurde durch das leise Plätschern eines Bächleins untermalt, welcher ein Wasserrad antrieb. Da es zu spät für eine Besichtigung und zu früh fürs Abendbrot war, unternahmen wir eine Wanderung in den angrenzenden Wald. Der Wanderweg führte parallel zu dem Bächlein leicht bergauf. Das Ufer wurde von vereinzelten Pflaumenbäumen verziert, die Teile ihrer süßen Früchte schon abgeworfen hatten. Einige sammelten wir auf und ließen sie in unseren Backentaschen verschwinden. Auf der anderen Wegseite standen Steinpilze neben rotglänzenden Fliegenpilzen und auch wegen des feuchten Wetters duftete der Wald intensiv.
Auf dem Weg zurück scherzten wir, dass es jetzt wohl Soljanka und Goldbroiler geben würde. Nachdem wir uns kurz frisch gemacht hatten, gingen wir in das Hotelrestaurant. Was für ein krasser Gegensatz! Schön renoviert und geschmackvoll eingerichtet bot es sich uns dar. Eine nette Bedienung brachte uns erst eine leckere Knoblauchsuppe und dann eine "Filetvariation mit Steinpilzen aus dem Hotelwald mit Kroketten". Alles stilvoll serviert und in höchster Qualität. Nach diesem leckeren Abendmahl kehrten wir in unser Ferienheim zurück und lauschten bis zum Einschlafen dem Gemurmel des Baches.

2. Oktober 2001 Auf Junker Jörgs Spuren
Das Wetter sah recht vielversprechend aus, darum beschlossen wir nach Eisenach zur Wartburg zu fahren. Vorher wollten wir jedoch noch dem Rat des "Harz-Reiseführers" folgen und nach Questenberg fahren. Das ist ein idyllischer Ort am Südrand des Harzes. Laut Reiseführer sollen sich dort "Fuchs und Hase Gute Nacht sagen". Aufgrund der frühen Stunde konnten wir das nicht feststellen, aber der Weg dorthin war sehr abenteuerlich. Da es keine Hinweisschilder auf den Ort gab, waren wir auf eine Radkarte und die Auskünfte von Eingeborenen angewiesen. Letztere warnten uns wegen der schlechten Wegstrecke, aber wir schlugen alle diesbezüglichen Warnungen in den Wind und uns durch. Da der Holperweg - wie viele Straßen in dieser Gegend - mit Obstbäumen gesäumt war, hielten wir öfters an und delektierten uns an heruntergefallenen Äpfeln oder Pflaumen. Obwohl der Ort nur 20 km vom Hotel entfernt war, benötigten wir eine ganze Stunde; doch es lohnte sich. An Questenberg waren nicht nur 40 Jahre DDR spurlos vorbeigezogen, sondern auch noch ein paar Jahre Kaiserzeit. Dass es solch unberührte Orte noch in Deutschland gibt, hätten wir nie geglaubt.
Nun wurde es aber Zeit die rund 130 km Landstraße nach Eisenach zu bewältigen. Je näher wir kamen, desto besser wurde das Wetter. Als wir schließlich am Fuße der Wartburg ankamen, und uns auf den rund halbstündigen Fußmarsch nach oben machten, entledigten wir uns erst unserer Jacken, dann unserer Pullover. Trotzdem schwitzten wir, als wir oben ankamen. Nach der Außenbesichtigung folgte dann eine halbstündige Führung durch die Burg. Die gutinformierte Führerin erkärte nicht nur die Geschichte der Hl. Elisabeth von Thüringen, die schon vier Jahre nach ihrem Tode vom Papst heilig gesprochen wurde, sondern auch die von Martin Luther. Als es anfing zu dämmern fuhren wir zum Abendbrot ins Hotel zurück.

03. Oktober 2001 Der Tag der deutschen Einheit startete mit denkbar schlechten Vorzeichen: Nebel und strömendem Regen. Davon ließen wir uns aber nicht abschrecken und fuhren zur nahegelegenen Burg Hohnstein in Neustadt. Im Regen liefen wir dann die restlichen Meter, aber so richtig Freude wollte nicht aufkommen; also hielten wir uns dort nicht lange auf. Mit dem Auto (endlich wieder im Trockenen) durchquerten wir dann den Ostharz in Richtung Norden, vorbei an Stiege und der großen Rappbodetalsperre. In Gernrode (südöstlich von Thale) stoppten wir um uns in der Harzer Uhrenfabrik die größte Kuckucksuhr und das größte Wetterhäuschen der Welt anzuschauen. Beide wurden 1998 in das Guinnessbuch der Rekorde eingetragen. Die Kuckucksuhr ist 14,40 m hoch und 6 m breit. Alle halbe Stunde erscheint der etwa ein Meter große Kuckuck und gibt erst sein "kuckuck" und dann ein Volkslied zum Besten. Das Wetterhäuschen ist 9,80 m hoch und 5,20 m breit und zeigte uns für die nächste Zeit gutes Wetter an. Auch die Besichtigung der Uhrenfabrik ließ uns staunen - einmal wegen der Kunstfertigkeit, mit der die Uhren gefertigt wurden und zum anderen wegen der astronomischen
Preise, die verlangt wurden.
Anschließen durchquerten wir den Harz wieder in südlicher Richtung bis zum Kyffhäuser. Während Konstanze im Auto wartete, stieg ich mit den Jungs auf und erklomm das Denkmal. Die Aussicht, die sich einem bot, war aufgrund des klaren Wetters extrem gut. Etwas frech fanden wir die Preise, die verlangt wurden. Insgesamt fast 30 DM für Parken und Betreten der Bergkuppe. Da sich die Sonne schon senkte, war es Zeit ins Hotel zurückzufahren.

4.10.01 Herrliches Wetter mit 20°C und Sonnenschein ließen es uns wagen an der Hotelrezeption vier Fahrräder auszuleihen. Der Preis von 1 DM pro Stunde war nicht gerade teuer, aber das konnte man von den Rädern auch nicht gerade behaupten. Nach einigen notwendigen Instandsetzungsarbeiten ging es dann ins 10 km entfernte Stolberg. Wir schlenderten dann durch die liebevoll restaurierte Altstadt mit ihren herrlichen Fachwerkbauten. Über der Stadt ragen die mächtige Sandsteinkirche und das Schloss empor. Während die St. Martini Kirche nach der Wende wieder restauriert wurde, gammelt das Schloss vor sich hin. Trotzdem lohnt sich der Aufstieg, denn die Aussicht ist phantastisch.
Konstanze wollte den selben Weg über die Bundesstraße dann wieder zurückfahren, während die Kinder und ich mit einem Umweg von 4 km durch den Wald zurückfahren wollten. Diese Strecke war anfangs sehr schwierig, da enorme Steigungen bewältigt werden mussten. Teilweise mussten wir sogar schieben. Dann ging es über 6 km bergab durch den Wald und über Schotterpisten. Im malerischen Wallatal müssen wir dann wohl falsch abgebogen sein, denn nach anderthalb Stunden kamen wir wieder in Stolberg an. Also fuhren wir auch auf der Landstraße zurück. Gegen 13 Uhr trafen wir dann Konstanze im Hotel und fuhren mit ihr nach Sondershausen um uns für den nächsten Tag im Erlebnisbergwerk anzumelden. Der Eintritt ist zwar sündhaft teuer, aber es soll sehr beeindruckend und lohnend sein. Na, morgen werden wir ja sehen.
Anschließend ging es an das südöstliche Ende des Kyffhäusers nach Wiehe, wo Europas größte Modelleisenbahnanlage steht. Man hat dort den Harz (nur den ehemaligen DDR-Teil) nachgestellt. Da es diese Anlage wohl schon zu DDR-Zeiten gegeben haben muss, waren alle Züge von der Reichsbahn und die Autos aus Zwickau oder Eisenach. Auch zur Regelung des Straßenverkehrs waren ein cm hohe Volkspolizisten eingesetzt. Wem das noch nicht reichte, konnte an den Fabrikwänden noch die roten Plakate mit den Politparolen finden. Etwas störend war nur ein hochmoderner ICE, der auch in der Anlage herumsauste. Auch wenn der Eintritt nicht gerade billig war und wir keine ausgemachten Modellbahnenthusiasten sind, hat sich der Besuch gelohnt.

5.10.01 Wieder herrliches Spätherbstwetter, so dass wir den Tag mit einem Spaziergang begannen. Wir fuhren zur Burgruine Hohnstein, wo wir schon vorgestern waren - damals allerdings im strömenden Regen. In gut einer Stunde wanderten wir zur Talsperre Neustadt; ein romantischer Waldweg mit leichter Steigung, der stets an einem rauschenden Bach entlang führt. Als wir gegen Mittag nach einem kurzen Aufenthalt auf der Burg Hohnstein wieder am Auto waren, fuhren wir nach Sondershausen. Da wir noch eine knappe Stunde Zeit hatten, ehe wir am Erlebnisbergwerk sein mussten, schlenderten wir noch durch die recht nette Altstadt von Sondershausen und erstanden dort auf dem Markt noch ein paar Zwiebelzöpfe für die Lieben daheim als Souvenir. Endlich war es 14.30 Uhr - die Kinder waren schon ganz aufgeregt - und wir konnten ins Bergwerk. Auch hier happiger Eintritt (für alle 120 DM), aber sehr lohnend, wie sich in den nächsten dreieinhalb Stunden herausstellen sollte. Zuerst mussten wir uns in der "Kaue", dem Umkleide- und Waschraum der Bergleute einen Kittel und einen Schutzhelm von der Decke über einen Seilzug herablassen und anziehen. Unsere Pullover ließen wir auch "über Tage", denn unten herrschen Temperaturen zwischen 20 und 35 Grad, je nach Tiefe. Dann folgten die Einweisung in die Sicherheitsregeln und eine Erklärung über die Grube durch einen "Kumpel", der uns die folgende Zeit auch führte.
Die Geschichte der ältesten heute nach befahrbaren Kaligrube der Welt beginnt am 1. Mai 1893 mit dem Abteufen des Schachtes 1 (,,Brügmanschacht"). Rund zwei Jahre später war man bei der Endteufe 670 m unter der Erde angelangt. Einen Höhepunkt in der Bergwerksgeschichte bildete zweifellos die durch Fürst Carl Günther von Schwarzburg-Sondershausen und Heinrich Leopold Brügman vorgenommene Einweihung des unter­tägigen Festsaales im Jahre 1908. Fast 100 Jahre lang währte der Abbau des ,,Weißen Goldes" und seine Verarbeitung zu Kali-Düngemitteln.
Bis zu 2,5 Millionen Tonnen betrug die jährliche Förderung. Die weithin sichtbare Ab­raumhalde lässt erahnen, welche riesigen Hohlräume 700 - 900 m tief unter der Erde hier entstanden sind. Das weitverzweigte Netz unterirdischer Stollen und Gänge hat eine Dimension, die mit dem Straßennetz der Stadt Erfurt vergleichbar ist. Die endgültige Einstellung der Kaliproduktion erfolgte am 21.6.1991. Einmal im Jahr finden dort unter Mountainbikerennen und Marathonläufe statt.
Wir hatten es allerdings leichter, denn wir wurden mit einem offenen LKW drei Stunden lang durch die Gänge gefahren. In einer Grube, wo sich Wasser und Lauge sammeln, schipperten wir mit einem Spreewaldkahn herum. Kaum zu glauben, was es alles fast 800 m tief unter der Erde gibt. Voller Eindrücke und die Taschen voller gesammelter Salzkristalle sahen wir nach knapp vier Minuten Fahrstuhlfahrt wieder das Tageslicht.


6.10.01 Da das Wetterglück uns auch heute hold zu sein schien, fuhren wir nach dem Frühstück nach Schierke um von dort zum Brocken aufzusteigen. Wir benötigten für die rund 9 km, bzw. 300 Höhenmeter etwa zweieinhalb Stunden. Teilweise führte der Weg entlang von Geröllhalden, durch die ein dünnes Bächlein führte. Man kann sich vorstellen, dass hier im Frühjahr zur Schneeschmelze ein reissender Fluß den Berg hinunterstürzt. Auf einem Granitfelsen, der von der Sonne beschienen wurde, entdeckten wir eine Salamanderfamilie, die sich sogar auf die angebotene Hand wagten. Je höher wir kamen, desto nebliger wurde es. Als wir nur noch 500 Meter vom Brockenhaus entfernt waren, war die "Suppe" so dicht, dass man kaum etwas erkennen konnte. Doch schon fünf Minuten später war die Wolke weitergezogen und gab den herrlichen Ausblick frei. Dies blieb dann gottlob auch die einzige Wolke des Tages. Gegen Nachmittag begannen wir dann den Abstieg und schon eine Stunde später saßen wir wieder im Auto.

07.10.01 Da heute der sogenannte „Bärenmarktag" war, in dem man für 1 DM Eintritt in den Alternativen Bärenpark Worbis kam, stand dieser natürlich heute auf unserem Programm. Hier werden Bären und Wölfe naturnah und artgerecht gehalten. Träger des Parkes ist das Deutsche Tierhilfswerk, die hier in diesem Park geschundenen Zirkus- und Zootieren ein neues Zuhause geben. Nicht nur ein löbliches Unterfangen, sondern auch ein lehrreicher und interessanter Park. Momentan wohnen in dieser Anlage acht Bären und 6 Wölfe. Das Gelände ist zwar riesengroß, doch mit etwas Geduld bekommt man die Tiere zu sehen.
Anschließend fuhren wir gen Westen zum Äpfel- und Birnenmarkt nach Duderstadt. Nicht nur der Markt reizte uns, sondern auch die malerische Altstadt mit ihren unzähligen Fachwerkbauten. Diese Stadt gehört dadurch zum Weltkulturerbe der UNO.
Am späten Nachmittag machten wir uns dann ins Hotel auf, denn wir mussten noch die Koffer packen, da wir am nächsten Morgen abreisten.