Sonntag, der 14.07.2002

Eigentlich hätte unsere Reise ja schon einen Tag eher beginnen sollen, aber der britische „immigration officer" lies uns nicht ins Land. Was war geschehen? Nachdem wir die ganze Nacht nach Oostende gefahren waren standen wir um 6.30 Uhr zum Check-in bei der Fähre. Wir zeigten unsere Reisepässe, in die auch die Kinder eingetragen sind und wollten an Bord. Da aber unser Großer schon über 12 Jahre alt war, reichte es (im vereinten Europa) nicht aus und er musste einen eigenen Pass haben. Die Dame am Abfertigungsschalter war sehr hilfsbereit und telefonierte sogar mit dem „immigration officer" in Dover, do vergebens, denn der lies sich nicht erweichen. Sie bot uns an, uns auf die Fähre um 15.00 Uhr umzubuchen und wir wollten derweil nach Brüssel zur deutschen Botschaft um für ihn einen eigenen „Not-Reisepass" zu besorgen. Nun war Samstag und die Botschaft hatte zu, der Notdienst fühlte sich in seiner Wochenendruhe gestört und gab uns den Rat nach Deutschland zu fahren, da er vor Montag nichts machen könne. Tolle Hilfe! Also fuhren wir zurück nach Oostende und buchten unsere Überfahrt auf den nächsten Morgen, nämlich den 14.07.2002. So ging es wieder 550 km zurück; wir besorgten das fehlende Dokument schnell und unbürokratisch in unserem Gemeindebüro und fuhren die 550 km wieder zurück nach Oostende.

Schließlich gelangten wir dann auf die Fähre. Da das Hoverspeedboot mit rund 40 Knoten (60 km/h) fährt, dauerte die Überfahrt nur zweieinviertel Stunden. Die Nordsee war ruhig und meinte es daher mit unseren Mägen gut. Schon bald konnten wir die weißen Kreidefelsen von Dover erkennen - und das Schönste: das alles bei voller Sonne. Während es in Deutschland und Belgien in Strömen regnete, herrschte hier hochsommerliches Wetter.

Als wir die Fähre verließen, ging es schnurstracks in das rund 120 km entfernte Hastings. Da wir den Linksverkehr schon gewohnt waren, stellte er für uns keine echte Herausforderung mehr da. Unsere Unterkunft lag etwas abseits der City, aber ganz in der Nähe des größten Parkes der Stadt, der Alexandra Park. Ein kleines, typisch südenglisches Haus in dem wir zwei Zimmer, jedes mit Bad und WC ausgestattet, bewohnten. Die Vermieter selbst, ein älteres Ehepaar, waren zwar sehr reserviert, aber sehr höflich; eben typisch britisch. Den restlichen Tag verbrachten wir damit, dass wir unter fachkundiger Führung von Daniel, der ja schon in den Osterferien dort zum Sprachurlaub war, Hastings entdeckten. Die Stadt wird beherrscht von zwei Hügeln und einem großen Strand. Dadurch ist Hastings ein populärer Badeort, wurde aber nicht dadurch, sondern durch die Schlacht von 1066 berühmt. Damals landete der Herzog William von der Normandie kommend mit seinem Heer, die Angelsachsen und leitete damit die normannische Dynastie in England ein. Allerdings fand diese Schlacht nicht wirklich in Hastings, sondern im 10 km entfernten Battle statt.

Um uns einen ersten Überblick zu verschaffen, bestiegen wir den Westhill, auf dem sich die Reste eines normannischen Castle, welches zum Schutze des Hafens gebaut wurde, befinden. Von dort hat man einen wunderschönen Blick über die 75.000 Einwohnerstadt. Wir blickten hinüber zum Easthill, auf dem eine Seilbahn fährt und der ein beliebtes Ausflugsziel der Hastinger Bürger darstellt. Die Stadt selbst ist unterteilt in die Newtown und Oldtown. Besonders interessant ist aber die Oldtown, mit ihren zahlreichen alten Fachwerkhäusern. Einen großen Hafen sucht man allerdings vergeblich, obwohl Hastings früher eine sehr wichtige Hafenstadt war. Er selbst ist verschwunden, aber erhalten blieben die „ Net Lofts", die hohen Schuppen, die für das Trocknen der Netze benutzt wurden, und die Fischerhütten mit ihren roten Dächern. Nahe dem Castle, also auf dem Westhill, befindet sich der Eingang zu den „St. Clement`s Caves", die in der Vergangenheit als Schmugglerhöhlen genutzt wurden. Nach einem Rundgang durch die Stadt und dem Besuch einiger Museen, kehrten wir müde in unsere Unterkunft zurück.

Montag, der 15.07.2002

Nach einem ausgiebigen, englischen Frühstück mit Rührei, Würstchen und Speck fuhren wir in das rund 20 km weiter westlich gelegene Eastbourne; interessierten uns aber nicht weiter für die Stadt, sondern mehr für die Kalkklippen von Beachy Head. Auf einer Höhe von bis zu 170 m, zieht sich die atemberaubene Klippenkette rund 10 km weit von Eastbourne nach Seaford. Senkrecht stürzen sich die Klippen in die Tiefe und kreischende Möwen, die nur eine Armlänge von uns entfernt hinwegschwebten, gaben dem Spaziergang ein leichtes Hitchcock-Gefühl. Von einem alten Leuchtturm aus, in der Nähe von Seaford, kann man einen wunderschönen Blick auf die größte Klippenformation, die „Seven Sisters" zurückwerfen. Nach diesem wunderschönen Spaziergang ging es nach Steyning, einem kleinen Ort in der Nähe von Worthing. Der Ort selbst ist ein Geheimtipp, da er in keinem Reiseführer erwähnt wird, und daher nicht überlaufen ist. Sehr schön sind die kleinen Häuschen, die aus Feuersteinen gebaut sind. Nicht weit davon entfernt liegt Bramber; ja es ist fast noch ein Ortsteil von Steyning. Hier liegen auf einem Hügel über dem Dorf die Überreste des Bramber-Castle aus dem 10. Jahrhundert. Zwar stehen nur noch einige Mauerfragmente, aber die Lage des Castles und der Blick über die fruchtbaren Täler von Sussex machen den Besuch unvergesslich. Etwas weiter unten liegt eine kleine Kirche aus dem 11. Jahrhundert. Sie ist zwar sehr schlicht, aber schon allein aufgrund ihres Alters sehr sehenswert.

Nach diesem - eher beschaulichen - Teil des Tages ging es nun weiter nach Arundel. Dieser Ort ist eine der Hauptanlaufstellen für Touristenbusse, da hier neben einer Kathedrale, dem alten Stadtbild auch ein riesiges Castle zu besichtigen ist. Durchschnitten wird der Ort durch den Fluss Arun, der mit recht großer Geschwindigkeit durch ihn hindurch fließt. Beherrscht wird aber das Stadtbild dieses kleinen Ortes von dem mächtigen Castle, von dem allerdings nur noch Bergfried, Vorwerk und Torhaus aus dem Mittelalter stammen. Der Rest wurde nach der Zerstörung im 17. JH in der zweiten Hälfte des 19. JH im neugotischen Stil wiederaufgebaut. Ursprünglich wurde es von den Herzögen von Norfolk, einer sehr einflussreichen, katholischen Familie aus dem Geschlecht der Howards gebaut. Thomas Howard, ein berühmter Kunstsammler, der 1586-1646 dort als 14. Earl of Arundel herrschte, verdankt man die heute so beeindruckende Gemäldegalerie mit Werken von Rubens, van Dyck, Gainsborough, Raynolds u. a. Auch eine Sammlung wertvoller Möbel, Tapisserien, Uhren und Kleidungsstücke machen das Schloss sehenswert: allerdings sollte man sich genug Geld einstecken, denn, und das gilt für alle englischen Sehenswürdigkeiten, die Preise sind unverschämt hoch. Für die Familienkarte zahlten wir mal eben 35 €.

Zum Abschluss des Tages ging es dann noch kurz nach Littlehampton, wo die Kinder und ich ein Bad in der doch recht frischen Nordsee nahmen. Konstanze kurvte währenddessen mit dem Auto umher um einen Parkplatz zu finden.

Dienstag, der 16.07.2002

Nach einer Stärkung mit Ham und Eggs ging es nach Folkestone, wo der Kanaltunnel auf englischer Seite an die Oberfläche kommt. Allerdings ist davon nicht viel zu sehen, da das gesamte Gelände eingezäunt und abgesperrt ist. Wir interessierten uns mehr für die Kalkklippen, die sich östlich des Hafens erstrecken. Schon der Weg dorthin war ein Genuss; zum einen ein kulinarischer, denn am Hafen konnte man Krabben und anderes Meeresgetier frisch vom Kutter kaufen und zum anderen wegen der atemberaubenden Landschaft. So führte uns unser Weg zuerst bergauf zum so genannten Martello Tower, einer alten Verteidigungsanlage aus dem zweiten Weltkrieg, von wo aus man einen wunderschönen Ausblick über die gesamte Bucht hat. Am Horizont konnte man sogar die französische Küste sehen. Da es der Wettergott es immer noch gut mit uns meinte, brannte uns die Sonne die ganze Zeit auf den Pelz, so dass wir, wenn nicht ein laues Lüftchen geweht hätte, ganz schön ins Schwitzen gekommen wären. Nun ging es bergab, über enge und verschlungene Pfade, zum Fuße der Kalkkreideklippen. Durch einen Erdrutsch brach hier die Erde auf und legte die tieferen Gesteinschichten frei. Bewaffnet mit Dachdeckerhammer und Taschenmesser, machten wir uns daran, Fossilien aus dem weichen Gestein zu kratzen. Man darf hier keine Dinosaurierknochen oder Neandertaler erwarten, aber allerlei, Millionen Jahre altes, Meeresgetier konnten wir schon aus den Klippen hervorholen. Für die Kinder war das natürlich ein Riesenspaß. Während die so kratzten und schabten holten wir uns lieber einen leichten Sonnenbrand.

Als dann alle Fossilien verstaut und die Kinder vom Kreidestaub befreit waren, ging es weiter nach Durovernum Cantiacorum. So nannten es zumindest die Römer, heute heißt die Stadt am Ufer des Stour „Canterbury". Bekannt ist sie vor allem deswegen, weil sich dort der Sitz des Erzbischofs von Canterbury, dem Oberhaupt der anglikanischen Kirche, befindet. Da wir unser Auto etwas außerhalb der Stadt auf einem P + R abgestellt hatten, denn Parken ist in England entweder fast unmöglich oder sehr teuer (aber dazu später mehr), fuhren wir mit dem Bus in die Stadt. Direkt am Busbahnhof erregte ein Schild „The Big Dig" an einem riesigen Baustellenzaun unsere Aufmerksamkeit. Nachdem wir rund 10 € Eintritt gezahlt hatten, durften wir auf die andere Seite des Bauzaunes. Man war gerade dabei Teile einer römischen Siedlung aus dem ersten Jahrhundert archäologisch zu sichern, da hier in wenigen Wochen ein Parkhaus gebaut werden soll. Überall sah man junge Archäologen hektisch graben, da hier in kurzer Zeit alles im Betonfundament des Parkhauses verschwinden wird. Eine sehr nette Führerin erklärte uns die einzelnen Ausgrabungen und gab uns so einen Einblick in die Lebensweise der Römer aus dieser frühen Zeit.

Nur ein Steinwurf entfernt erhebt sich die mächtige Kathedrale von Canterbury, die allerdings aufgrund der zahlreichen Hochhäuser manchmal kaum zu erkennen ist. Das gesamte Gelände der Kathedrale ist vom Westen durch die alte Stadtmauer von Canterbury und an den anderen Seiten von der Kirchenmauer begrenzt. Nach Zahlung von rund 30 € Eintritt betritt man das Gelände das Christchurch Gate. Mit seinen buntbemalten Wappensteinen und der kunstvoll gearbeiteten, von Engelsfiguren flankierten Statuen im Zentrum der Fassade führt das 1517 errichtete Tor zur Domfreiheit, zum Ziel mittelalterlicher Pilgerfahrten, zur Kathedrale. Diese beeindruckt allein durch ihre schieren Ausmaße. Mit ihren über hundert Metern Länge ist sie ein atemberaubendes Zeugnis gotischer Baukunst des 11. bis 15. Jahrhunderts. In diesen vier Jahrhunderten wurden mehrere Kirchen an der gleichen Stelle gebaut. Ein normannischer Bau, mit dem 1070 begonnen wurde, ersetze die drei Jahre zuvor abgebrannte sächsische Kirche. Auch jener wurde 100 Jahre später ein Raub der Flammen. Auf seinen Fundamenten errichtete man die Kathedrale in seiner heutigen Form. Reste des alten Baus kann man übrigens noch vereinzelt finden. Die Kathedrale wurde erst 1841 mit dem Umbau des 75 m hohen Nordwestturmes abgeschlossen. Architektonisch hat Canterbury Cathedral eine Menge zu bieten; am beeindruckendsten ist aber der Blick nach oben in das Fächergewölbe des Vierungsturmes. Bögen und Halbkreise verschiedener Größe berühren einander, werden durchschnitten von steinernen Strahlen, gekrönt von buntbemalten Schlusssteinen und im Zentrum leuchtet eine Rosette. Auch ein Mord geschah in dieser Kathedrale, denn am 29.Dezember 1170 wurde Thomas Becket, Erzbischof von Canterbury von vier Baronen erschlagen, die mit Duldung von König Henry II. handelten. Nur drei Jahre später wurde Becket heilig gesprochen. Auch daher wurde Canterbury zu einem der mittelalterlichen Pilgerziele. Scharen strömten zum Grabe des heiligen Thomas, dessen Sarkophag man in der Dreifaltigkeitskapelle im Osten der Kathedrale aufstellte. Im 16. Jahrhundert wurde dieser, wie so viele andere kirchliche Besitztümer, von Heinrich VIII. konfisziert. Er ließ den Schrein zerlegen und in die königliche Schatzkammer des Tower of Londons bringen. Wenn man die Kathedrale an der Nordseite verlässt kommt man in einen wunderschönen Kreuzgang. Mit buntbemalten Schlusssteinen, in denen die Wappen der Familien verewigt sind, die den Umbau der Kathedrale finanzierten. Schließlich gelangt man zu dem im 14. Jahrhundert umgestalteten Kapitelhaus. Es ist das zweitgrößte Englands und besitzt ein hohes Tonnengewölbe aus irischer Mooreiche und an den Stirnseiten riesige Buntglasfenster, die englische Könige zeigen. Unter der Kathedrale befindet sich die Krypta; sie ist eine Kopie der Krypta von St. Maria im Kapitol in Köln. In den Kapitellen der Säulen spiegeln sich die Ängste und Phantasien der mittelalterlichen Menschen in Form von Ungeheuer- und Fabelfiguren wider.

Schließlich verließen wir diesen angenehm kühlen Ort und gingen in das nahe gelegene römische Museum. Es befindet sich mitten in der Fußgängerzone, an genau der Stelle, wo früher ein römisches Wohnhaus stand. Neben diversen Gebrauchsgegenständen der Römer kann man dort vor allem die herrlichen Bodenmosaike betrachten. Leider blieb uns nicht sehr viel Zeit, da schon hinter uns die Reinigungskolonne den Boden wischte. Nach diesem erlebnisreichen Tag waren wir dann froh endlich wieder zuhause zu sein.