28. 03.99 (Sonntag)Kurz vor neun Uhr Ortszeit (zwei Uhr nachts in Deutschland) landeten wir nach einem ruhigen Flug in Schanghai. Die Paßkontrolle ging recht schnell und eine Zollkontrolle fand nicht statt. Von einem kommunistischen Land hatten wir etwas anderes erwartet, aber in China ist eben vieles anders. Mit einem Taxi fuhren wir in die nahegelegene Wohnanlage unserer französischen Freunde, die gerade auf einer Rundreise auf der Seidenstraße waren und erst am 10. April wiederkommen werden. Das Haus liegt in einer von einer hohen Mauer umgebenen und mit Wachleuten abgesicherten Anlage. Diese Bewachung ist wohl eher Statussymbol, denn die Kriminalität ist in China sehr gering; man kann sehr sicher - auch nachts - durch die Straßen gehen. Der Baustil des Hauses gefiel uns sehr gut, es ist sehr hell und freundlich mit viel hellem Holz innen ausgebaut. Nicht sehr typisch chinesisch, denn die einheimischen wohnen sehr beengt, aber für uns Europäer sehr schön. Den Schlüssel und einige wichtige Informationen hatten unsere Freunde bei dem Manager der Anlage Mr. Peter Pan (!!! Der heißt wirklich so !!!) hinterlegt. Er erklärte uns geduldig alle Annehmlichkeiten der Wohnanlage. Nach einem kurzen "Vormittagsschlaf" - immerhin waren wir jetzt über 36 Stunden auf den Beinen, gingen wir zu Fuß aus der Anlage um die nähere Umgebung zu erkunden. Obwohl Sonntag war, waren alle Geschäfte bis 21.00 Uhr geöffnet. In einem nahe gelegenen Supermarkt kauften wir die nötigsten Dinge ein und sahen uns um. Dabei stellten wir fest, dass unweit von unserem Domizil der Zoo ist, den wir sicher später noch besuchen werden. An diesem Tag gingen wir früh zu Bett, denn wir wollten am nächsten Morgen am Tai-Chi-Training teilnehmen.

29.03.1999 (Montag)Der Wecker klingelte zwar pünktlich um 07.20 Uhr, denn wir wollten um 8.30 Uhr zum Tai-Chi-Training (chinesisches Schattenboxen), welches hier in der Wohnanlage gratis angeboten wird, aber die auf uns wirkende Zeitverschiebung verhinderte ein Aufstehen. So standen wir erst - ziemlich groggy - um elf Uhr auf und nahmen uns nach dem Frühstück ein Taxi zum Reisebüro in die Stadt. Wir wollten dort eine Reise auf dem Jangtse-Fluß buchen. Taxifahren ist eine recht günstige Angelegenheit. Betrügt einen der Taxifahrer nicht, was in etwa 30% der Fälle vorkommt, kosten 10 km etwa sechs Mark. Betrügt er einen - und man ist denen ja recht schutzlos ausgeliefert, denn keiner spricht englisch und mein Chinesisch ist in den vergangenen 16 Jahren lausig geworden, kostet die Fahrt etwa 9 DM. Viel schlimmer ist es aber den Verkehr so hautnah mitzuerleben. Bislang hielten wir den Verkehr in Buenos Aires für chaotisch und unverständlich. Aber jetzt, wo wir den chinesischen Straßenverkehr erlebt haben, glauben wir, es geht nicht schlimmer. Wer hier als Europäer einen Leihwagen nimmt, hat garantiert nach 50 Metern einen Unfall. Man hupt, fährt dicht an Fußgänger heran und freut sich, wenn diese panisch davonrennen, und drängelt sich einfach irgendwo rein. Auf so einer Fahrt erlebt man daher so an die zwanzig Beinahe-Unfälle. Hat man erst einmal zehn davon erlebt, legt sich die panische Angst und weicht einer völligen Gleichgültigkeit. Überquert man aber als Fußgänger eine Straße ist ständige Wachsamkeit und Sprungbereitschaft angesagt. Die Polizei ist allgegenwärtig und ordnet dort den Verkehr, wo es eigentlich nicht so nötig ist; so achtet sie z.B. darauf, dass alle Fahrzeuge an einer roten Ampel in einer Reihe stehen. Tut dies ein Auto nicht, so trillert er laut auf seiner Pfeife, bis die Ordnung wieder hergestellt ist. Wird es grün, geht das Chaos ungehindert weiter. Im Reisebüro angekommen, erfuhren wir, dass wir unsere geplante Tour erst am 06.04. beginnen können, da vorher kein Platz auf dem Schiff ist. Wir baten, doch noch einmal zu prüfen, ob es nicht doch schon eher ginge. Man versprach uns, dies bis morgen zu prüfen. Einige Straßen weiter fanden wir ein nettes kleines Restaurant, dessen Spezialität "Feuertopf" ist. Man sitzt an runden Tischen, in deren Mitte ein etwa 40 cm großes und 30 cm tiefes rundes Loch ist. Darin steht ein Gasbrenner, der mit einer unter dem Tisch stehenden Propangasflasche verbunden ist. Darauf wird ein irdener Topf gestellt, in dem sich Brühe, Knochen, Gemüse und Nudeln befinden. Wir bestellten uns dazu Jiao-Tse (chin. Teigtaschen, die mit allerlei gefüllt sind), Spinat, Ni rou (hauchdünn geschnittenes, gefrorenes Rindfleisch) und Zhu rou (Schweinefleisch). Dieses wird dann wie beim Fondue in die kochende Suppe getan und nach einer kurzen Garzeit mit den bereitstehenden Erdnußsoßen und Chillisoßen gewürzt. Ein sehr leckeres Gericht. Wir verließen uns bei der Bestellung der Speisen ganz auf die Beratung der Kellnerin, die immer wieder in freundliches Gelächter über meine mickrigen Chinesischkenntnisse ausbrach. Dieses Lachen ist nicht böse gemeint, es ist Teil der Lebenseinstellung. Stolpert zum Beispiel jemand auf der Straße lachen alle anderen, bis auch der Unglücksvogel zu lachen anfängt. Nach dem Mittagessen fühlten wir uns kugelrund und so streiften wir durch die Innenstadt, insbesondere über die nahe gelegene Nanjing Lu, der Haupteinkaufsstraße Schanghais. Immer wieder streichelten Passanten Lars über den Kopf. Anfangs war ihm das sehr unangenehm und Daniel war etwas eifersüchtig, weil ihn kaum jemand streichelte, was wohl daran liegt, dass er nicht so blonde Haare hat. Nachdem wir Lars erklärt hatten, dass die Chinesen dies tun, weil sie glauben, dass es ihnen Glück bringt, einen Jungen zu bekommen, war Lars etwas versöhnt. Bei der staatlich verordneten Ein-Kind-Ehe ist es für chinesische Ehepaare besonders wichtig einen Jungen zu bekommen, da diese immer noch etwas "höher im Kurs stehen" als Mädchen. Man sieht das auch an den Kindern. Jungen wird kaum ein Wunsch abgeschlagen und so sind sie durch die vielen Süßigkeiten rund wie kleine Buddhas, während Mädchen eher schlank sind. Auffallend an dieser riesigen Stadt, deren Häuser fast alle mehr als 20 Stockwerke haben, ist die Mischung aus Moderne und Tradition. So werden diese Wolkenkratzer mit Gerüsten aus Bambus errichtet, der viel stabiler ist, als Stahl. Für uns sah es eher gefährlich aus, wie die Bauarbeiter in dreißig und mehr Metern Höhe über die Bambusgerüste turnten. Die Straßen Schanghais sind nicht nur mit Autos, Bussen, vor allem aber Fahrrädern verstopft, nein oft auch in zwei Etagen gebaut. Auf einer Stelzenbrücke fließt der eine Teil des Verkehrs in 15 Meter Höhe, der andere Teil unten. Für die Fußgänger hat man an besonders großen Kreuzungen extra Überführungen, bzw. in 10 Meter Höhe liegende Bürgersteige gebaut. Gegen 18.00 Uhr nahmen wir uns dann durch den dichten uns zähflüssigen Berufsverkehr ein Taxi nach hause, wo wir uns zum Abendbrot die gestern gekauften Jiao-Tse brieten.

30.03.1999 (Dienstag)Heute hat es mit dem frühen Aufstehen geklappt und wir konnten zum Tai-Chi-Training ins nahe gelegene Clubhaus gehen. Nach dem einstündigen Training tat uns jeder Knochen weh, obgleich die Bewegungen nur in Zeitlupe ausgeführt werden. Bevor wir mit einer Taxe zum Pudong-Bezirk fahren konnten, mußten wir erst einmal unsere durchgeschwitzten Sachen wechseln. Der Pudong-Bezirk befindet sich am anderen Ende der Stadt, ganz im Osten, direkt am Huangpu-Fluß (Perlenfluß). In einem Park, dem Pudong-Park steht der dritthöchste Fernsehturm der Welt und der höchste Asiens. Er mißt 486 m und als Besucher kommt man über 350 m hoch. Am Fuße des Turms musste Lars für unzählige Fotos herhalten. Nicht von uns gemachte, nein, wildfremde Chinesen fragten, ob sie ihn sich mal für ein Foto ausleihen dürften. Natürlich streichelten ihn auch wieder viele Menschen. Inzwischen hat er sich aber daran gewöhnt und hat bei etwa 45 mit dem Zählen aufgehört. Nachdem wir diesen Hindernisparcours erfolgreich bewältigt hatten, fuhren wir nach oben, wo man einen tollen Ausblick über die Stadt und den Perlenfluss hat. Wäre das Wetter besser gewesen, hätte man wegen des Smogs, der über der 17 Millionen-Stadt liegt sicher auch nicht viel weiter sehen können. Trotzdem war der Blick auf diese riesige Stadt mit ihren gigantischen Hochhäusern überwältigend. Nachdem uns die Erde wiederhatte, fuhren wir zu dem staatlichen Reisebüro um noch einige Formalitäten für unsere Kreuzfahrt auf dem Jangtse zu erledigen. Schließlich entschieden wir uns doch zu fliegen. denn die Bahnfahrt nach Chongqing, wo die Reise losgeht, hätte über 36 Stunden gedauert. Das hätten die Kinder sicher nicht überstanden. Sicher sind die chinesischen Flugzeuge nicht, im Gegenteil, es vergeht kaum eine Woche, wo keins abstürzt, aber wenn dieser Reisebericht gelesen werden kann, werden wir es wohl unbeschadet überstanden haben, andernfalls nehmen wir eben diese tollen Reiseerlebnisse mit ins Grab. Wenn alles glatt geht, und davon kann man nicht ausgehen, fliegen wir am 6.4. um 12.00 Uhr von Schanghai ins 2300 km entfernte Chongqing. Nach einer Hotelübernachtung schiffen wir dann am nächsten Morgen um 9.00 Uhr ein und fahren dann drei Tage flussabwärts durch die Schluchten des Jangtsekiangs. Diese Tour durch diese unbeschreibliche Landschaft lag uns am Herzen, denn schon in zwei Jahren wird alles zerstört sein. Die Chinesen stauen nämlich in Wuhan, dem Ziel unserer Bootsfahrt, den Fluß für ein gigantisches Wasserkraftwerk auf und überfluten damit riesige Gebiete. Am 10.04. fliegen wir dann am späten Nachmittag von Wuhan nach Schanghai zurück. ometer langen weg kamen wir auch über einen Bauernmarkt, auf dem hunderte Händler ihre Waren feilboten. Überwiegend Lebensmittel, aber auch Dinge des täglichen Lebens. Zu den Lebensmitteln gehören auch lebende Schildkröten, die in Plastikwannen umherkriechen, und allerlei See- uns Landgetier. Das bunte Treiben zu beobachten machte uns richtig Spaß. Für die einfachen Chinesen waren wir mindestens genauso exotisch, wie ihr Markt für uns. An einem Stand erstand ich für Daniel und mich Schlangenspießchen, die auf Holzkohlenglut gegrillt wurden (sehr lecker); Konstanze und Lars probierten etwas von gebackenen Teigfladen, die auch sehr gut mundeten. Kurz hinter dem Markt besuchten wir noch einen Friseur, der Daniel für etwa zwei Mark die Haare schnitt. Erst hatten wir etwas Bedenken. denn er starrte die ganze Zeit auf den im Geschäft stehenden Fernseher, in dem ein schnulziger Film lief. Aber das Ergebnis war außerordentlich gut und konnte sich mit jeder deutschen Frisur messen. Vor dem Geschäft standen als wir gingen viele Chinesen und drückten sich ihre kurzen Nasen platt um uns zu beobachten - aber daran haben wir uns längst gewöhnt. Schließlich kamen wir an dem Tempel an, der von außen eher unscheinbar aussah und wie ein Fremdkörper in den Wohnblocks wirkte. Er ist das bedeutendste sakrale Bauwerk Schanghais und ist berühmt wegen zweier Buddhastatuen aus weißer Jade, die der Mönch Huigen im Jahre 1881 als Geschenk aus Burma nach China brachte und dem Kloster Jiangwan stiftete. Für diese wertvollen Statuen, sollte ein gesonderter Tempel gebaut werden, was aber immer wieder aufgeschoben wurde und erst 1921 erfolgte. Die beiden Figuren konnten dann in die aus drei hintereinander liegenden Hallen und mehreren Seitengebäuden bestehenden Anlage einziehen. In der vorderen Halle begrüßt einen der lachende Dickbauchbuddha Milefo umringt von Statuen der vier Himmelskönige. In der riesigen Haupthalle findet man die drei Buddhas der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, flankiert von achtzehn Schülern. Ein Seitenraum der dritten Halle beherbergt den kleinen Schatz des Tempels, einen etwa einen Meter langen liegenden Buddha der den Eintritt des irdischen Buddhas ins Nirwana symbolisiert. Der Tempel ist heute von etwa 70 Mönchen bewohnt, die den Touristenmassen, ebenso, wie die betenden Gläubigen, mit fernöstlicher Gelassenheit gegenüberstehen. Das ganze Gelände ist rauchgeschwängert, zum einen von den, an jeder Ecke brennenden, Räucherstäbchen und zum anderen von den Bündeln Papiergeld (Extra für diesen Zweck gedrucktes) Papiergeld, was die Gläubigen verbrennen um es Ihrem Buddha zu opfern. Auch werden andere, in rotes Seidenpapier gewickelte, Geschenke verbrannt, wohl als eine Art Opfergabe. Einige Gläubige gehen auch in die Lesestube um die wertvollen Schriftrollen aus der Tang-Zeit (608-907 n. Chr.) zu lesen. Von dem Tempel liefen wir dann wieder in Richtung Süden zur Nanjing Straße und schnappten uns ein Taxi nach hause.

31.03.1999 (Mittwoch)Heute meint es das Wetter sehr gut mit uns. 20° C und kein Wölkchen am Himmel zu sehen. Nach dem Morgentraining ließen wir uns mit einem Taxi zu dem Reisebüro fahren um die Tickets abzuholen. Dies dauerte etwas länger, weil die Chinesinnen große Freude an unseren Namen hatten, die für ihre Zungen so ungewöhnlich sind. Bald waren so neun lachende Frauen um uns versammelt, die immer wieder unsere Pässe sehen wollten und laut lachten, als ihre Kollegin die Namen in die Flugtickets eintrug, sich verschrieb, radierte und korrigierte. Nach einer dreiviertel Stunde hatten wir aber alle Unterlagen beisammen und konnten noch rechtzeitig zum Mittagessen einen Platz in einem sehr kleinen Restaurant in einer Seitengasse ergattern. Die Chinesen essen für unsere Verhältnisse sehr früh Mittag, nämlich um 12 Uhr. Kommt man um halb eins ist kaum noch ein Platz zu ergattern und ab zwei Uhr ist die Küche geschlossen. In diesen einfachen Restaurants muß man zuerst bei einer vor dem Laden stehenden Kassiererin bestellen und Bezahlen, dann geht man in das Lokal, sucht sich einen Platz und wartet auf sein Essen, was aber nicht sehr lange Dauer. Lars und ich nahmen je einen großen Topf Nudelsuppe mit Huhn und Spinat, Konstanze und Daniel je einen Topf der leckeren Teigtaschen Jiao-Tse. Und was hat das ganze Essen gekostet? Vier Mark und sechzig für alle! In China ist man übrigens auch Suppe mit Stäbchen. Mit ihnen fischt man alles Feste heraus und schlürft dann die Brühe laut aus der Schüssel. Dieses Schlürfgeräusch ist typisch für chinesische Restaurants. Nach dem Essen liefen wir in den nahe gelegenen "renmin gongyuan", oder zu Deutsch Volkspark. Man zahlt einige Pfennige Eintritt und kann sich in einem kleinen, aber sehr gepflegten Park erholen. Man sieht dort überall an Tischen Rentner, die Karten oder chinesisches Schach spielen. Trotz der vorgerückten Stunde (13 Uhr) sahen wir noch einige Frauen ihre Tai-Chi-Übungen machen. Normalerweise machen das alle Chinesen morgens um sechs Uhr in großen Gruppen im Park, oder einfach auf der Straße. Anschließend gingen zu Fuß in Richtung Osten die etwa fünf Kilometer zum Yu-Yuan-Garten, was auf Deutsch "Garten der Freude" bedeutet. Er liegt im alten Schanghai, was wirklich noch sehr ursprünglich ist. Inmitten der zig Stockwerke hohen Wolkenkratzer scheint hier ein Stück altes China konserviert. Die Häuser maximal zweigeschossig und die Straßen sehr eng. Die Bürgersteige sind kaum zu begehen, denn sie hängen voller Wäsche, die die Bewohner zum Trocknen herausgehängt haben. Will man passieren, muss man die Handtücher, Hemden, Unterhosen einfach beiseite schieben. Zwischendurch sitzen immer wieder Leute auf dem Bürgersteig, reparieren Motorräder, flicken Schuhe oder verkaufen einfach nur Waren. An einem derartigen Straßenstand kauften wir gebratene Jiao-Tse, die auf einem umgedrehten Ölfass gebraten wurden. Unter dem Fass prasselte das Feuer und oben brutzelten die leckeren Teigtaschen. Dass wir stehen blieben und die gekauften Teigtaschen - wie alle Chinesen auch - gleich aßen, sorgte wieder für einen Menschenauflauf. Man beobachtete sehr genau, wie wir aßen und fragte uns ständig, ob es uns auch schmecke. Immer wieder musste ich mit "hen hao" (sehr gut) antworten, was wiederum mit noch mehr freundlichem Gelächter bedacht wurde. Inzwischen haben wir uns daran gewöhnt, wie die Tiere im Zoo bestaunt zu werden. Ein Europäer in China ist doch noch für die meisten eine Attraktion. Wenn man auf die Frage, woher man komme mit "Deutschland" antwortet, erntet man oft nur ungläubiges Schweigen. Zuerst dachte ich, dass es so selten ist, dass Deutsche hierher kommen, inzwischen bin ich dahintergekommen, dass viele noch nie etwas von Deutschland gehört haben; sie kennen nur einige asiatische Nachbarländer, die ehemalige Sowjetunion und die USA.
Das Herz der Altstadt war der Tempel des Stadtgottes (Chenghuang Miao), der sehr kitschig renoviert wurde und nun ein Basar ist, auf dem man Zehntausend nützliche und unnütze Dinge kaufen kann. Der Tempel lag direkt vor dem Eingang des Yu- Yuan Gartens. Vor dessen Eingang erreichten wir über eine Zickzackbrücke das Huixinting-Teehaus, das inmitten eines kleinen Sees liegt. Es ist etwa 400 Jahre alt, zwei Stockwerke hoch und im Pagodenstil erbaut. Der dahinter liegende Garten, wurde im frühen 16. Jahrhundert im Auftrag des Gouverneurs Pan Yunduan vom exzentrisch genialen Gartenbaumeister Zhang Nanyang gebaut. Dieser "Garten der Freude" ist ein über zwei Hektar großes Areal mit künstlichen Bergen, Seen und Pavillons, die alle mit Zickzackbrücken verbunden sind. Noch ein Wort zu den Zickzackbrücken. Sie wurden deshalb so gebaut, um die bösen Geister fernzuhalten, da diese nur geradeaus fliegen können. Besonders gut hat uns die Drachenmauer gefallen, auf der ein schwarzer Drache liegt. Der Kopf ist kunstvoll in den Stein geschnitzt und sein etwa 50 Meter langer Körper bildet die Mauerkrone. Im Zusammenspiel mit der weißen Mauer und dem blauen Himmel ein wunderschöner Kontrast. Angesichts der verwinkelten Wege des Parks, kann man sich leicht vorstellen, dass er der sogenannten "Kleinen Schwerter Gesellschaft" während der Taiping-Revolution als Unterschlupf gedient hat.

01.04.99 (Donnerstag)Der heutige Tag diente nach den Strapazen der vorangegangenen der Ruhe und des Auftankens. Morgens Tai-Chi, was uns heute schon etwas besser von der Hand ging. Unser Lehrer, er ist 48 Jahre alt, ist wirklich sehr gut. Er lehrt uns nicht nur die Übungen, sondern auch die dahinter stehende chinesische Weisheit. Gegen 11.30 holte uns eine Nachbarin mit ihrem Fahrer ab um mit uns ins Carrefour, einem französischen Kaufhaus, zu fahren. Sie ist eine indische Diplomatin, die wir beim Tai-Chi kennengelernt hatten und die zwei Häuser neben uns wohnt. Das Carrefour bietet neben den klassischen chinesischen Lebensmitteln auch das an, auf was man als Europäer nicht verzichten möchte: Brot, Butter, Käse und Joghurt. Ansonsten kann man sich sehr gut in den chinesischen Supermärkten in der näheren Umgebung eindecken, aber eben diese Sachen sind den Chinesen noch sehr fremd. Schon beim Anblick von Käse schüttelt es sie. Auch Brot mit Marmelade essen nur die wenigsten, die meisten essen gebackene Teigstangen mit Salz zum Frühstück. Das Mittagessen bereiteten wir aus den im Carrefour gekauften Sachen. Daniel Lars und ich aßen gebratene Schlange mit Sprossen und chin. Pilzen, Konstanze bevorzugte das gleiche, jedoch mit Rinderhack, statt mit Schlange. Für den Durschschnittseuropäer mutet es etwas seltsam an, wenn er lebende Tiere im Supermarkt kauft, diese dann lebend in einen Plastikbeutel getan werden, der dann zugeknotet wird. Danach wird der Beutel, wie bei uns das Obst, gewogen und mit einem Etikett versehen. Dann geht man mit dem lebenden Tier im Einkaufswagen weiter einkaufen und geht dann zu den Kassen. Dort legt man das sich windende (oder strampelnde - je nach Art) Tier auf das Fließband und bezahlt. Kein Chinese würde auf die Idee kommen, das sei Tierquälerei. Die Zubereitung der Schlange erwies sich als schwierig. Nachdem sie getötet war, musste die Haut entfernt werden und dann das Fleisch von den Knochen. An sich sicherlich nicht sehr schwer, aber im Haus hab es kein scharfes Messer. Trotzdem schafften wir es. Am Nachmittag aßen wir dann noch Kuchen, der in China fast immer aus sehr lockerem Bisquitteig besteht und sehr gut schmeckt. Schön anzusehen und bestimmt auch sehr lecker sind die Torten, die die Konditoren im Schaufenster verzieren. Das geht nicht nur mit einer unglaublichen Schnelligkeit, sondern auch mit einer sagenhaften Kunstfertigkeit. Am beliebtesten sind im Moment kleine weiße Häschen, denn seit Anfang März ist das Jahr des Hasen. Dies Kunstwerke, an der die Meister alleine ein Viertelstunde verzieren, kann man dann für umgerechnet neun Mark kaufen. Unglaublich!

02.04.1999 (Karfreitag)Dieser Tag fing nicht gut an. Zum einen war es mit dem schonen Wetter der vergangenen zwei Tage vorbei und zum anderen stürzte mir bei meinem Computer die Festplatte ab, so dass ich nicht nur die Adressen der Freunde und Bekannten verlor; nein auch der Reisebericht der vorangegangenen Tage (rund 6 Seiten) war im Nirwana der Bits und Bytes verschwunden und muss nun heute Abend neu eingegeben werden. Nach dem allmorgendlichen Tai-Chi nahmen wir uns ein Taxi zum Schanghai-Museum. Dieses ist ein hochmoderner kreisrunder Bau mit vier Etagen. Es liegt gegenüber dem Schanghai-Theater auf einem großen Platz. Vor dem Museum standen mehrere Schulklassen in ihren grünen und blauen Schuluniformen, die eigentlich wie Trainingsanzüge aussehen. Die Lehrer waren mit kleinen Fahnen und einen kleinen Megaphon bewaffnet, um de Schar zusammenzuhalten. Trotz der großen Menge an Kindern war erstaunlich, wie diszipliniert die Kleinen waren. Im Museum verlor sich dann die Disziplin etwas, aber war nicht mit der Zügellosigkeit deutscher Schulklassen zu vergleichen. zu sehen gab es in diesem Museum sehr viel. Alte Münzen (Die Chinesen sind ja die Erfinder des Papiergeldes), Möbel aus den verschiedensten Dynastien, Schlicht in der Ming-Dynastie und voller Verzierungen in anderen Zeitepochen. Skulpturen aus Bronze, Holz, Ton und Jade waren ebenso ausgestellt, wie Trachten und Gegenstände des täglichen Lebens der nationalen Minderheiten, deren es sehr viele in China gibt. zum Beispiel die Tibeter, die Li, die Miao oder die Uyguren - um nur einige zu nennen. Beeindruckend ist die Kunstfertigkeit, mit der selbst einfachste Gegenstände - auch heute noch - verziert werden. Das Mittagessen nahmen wir in einem sehr einfachen Restaurant in der Nähe des Renmin-Parks ein. Es bestand aus gebratenen Hühnerschenkeln, geschmortem Hundefleisch und allerlei Gemüse - dazu Reis. Nicht zu vergessen eine sehr leckere Fischsuppe mit Seetang. Ja, über das chinesische Essen kann man leicht ins Schwärmen geraten; schließlich ist es auch so vielseitig. Nachdem wir dann noch rund drei km die Nanjing Straße westwärts geschlendert sind, nahmen wir uns ein Taxi nach hause.

03.04.1999 (Samstag)achdem wir morgens im Carrefour einige Sachen gekauft hatten, liefen wir die rund sechs Kilometer zum Mausoleum von Soon Ching Ling, der Frau von Dr. Sun-Yat-Sen, dem Gründer der einstmals prowestlich eingestellten Guomindang, der Nationalen Volkspartei Chinas. Er war es, der in China die Monarchie besiegte. Seine Partei war anfangs prowestlich und ein Gegenspieler der 1921 in Schanghai gegründeten Kommunistischen Volkspartei Chinas, zu dessen dreizehn Gründungsvätern Mao-Tse-Tung gehörte. Enttäuscht, dass er so wenig Unterstützung vom Westen bekam, verbündete dann Dr. Sun Yat-Sen seine Partei später mit Maos KP China. In Whampoa bei Kanton gründeten beide Parteien dann eine Militärakademie, deren Leiter Chiang Kaishek wurde (er floh später nach Taiwan und bekämpfte von dort aus den Kommunismus). Sein Stellvertreter hieß Zhou Enlai, der spätere Ministerpräsident Chinas. Das Mausoleum befindet sich in einem sehr schön angelegten Park, in dem eine etwa vier Meter große schneeweiße Statue der Frau Zoon China Ling. befindet, an der viele Menschen Kränze abgelegt hatten. Innerhalb des Parks befinden sich noch das "Schanghai Historical Museum", was leider geschlossen war und das Kindermuseum, was leider sein Eintrittsgeld nicht wert war. Von außen zwar ein sehr futuristischer Bau, innen erinnerte es eher an einen Pionierpalast aus DDR-Zeiten. Verstaubte Modelle von chinesischen Kriegsschiffen und Raketen, die teilweise in einem miserablen Zustand waren. Dazwischen Lobeshymnen auf die KP China. An keinem anderen Ort haben wir bisher derartige Propaganda gefunden; ja, man kann sogar sagen, dass man leicht vergessen kann, dass man sich in einem kommunistischen Land befindet. Der Rückweg war schon recht beschwerlich, denn soviel, wie wir in den letzten Tagen gelaufen sind, laufen wir sonst in einem Monat nicht. Trotzdem rafften Daniel und ich uns noch einmal am Nachmittag auf, die nähere Umgebung abzulaufen.

04.04.1999 (Ostersonntag)Da man in China Ostern nicht kennt, ist dies hierzulande ein ganz normaler Wochentag. Der Sonntag unterscheidet sich sowieso nur von den anderen Tagen, indem an diesem Tag die öffentlichen Büros und Banken geschlossen haben. Die Bauarbeiter arbeiten und die Geschäfte haben wie an jedem Tag von 07.00 Uhr bis 22.00 Uhr durchgehend geöffnet. Nun arbeitet niemand sieben Tage die Woche und 15 Stunden am Tag, man arbeitet in Schichten, schließlich müssen 1,3 Milliarden Menschen beschäftigt werden. Für uns begann Ostern mit herrlichem Wetter und 22°C und unserem allmorgendlichen Training, diesmal als Einzelunterricht, denn die indische Diplomatenfrau zog es wohl vor, länger zu schlafen. Nachdem ich vormittags kurz zum Geldautomaten gefahren bin um Geld für unseren bevorstehenden Ausflug zu holen, aßen wir zu hause Mittag. Gegen 12.30 Uhr gingen wir in den nahege legenen Zoo. Ein recht billiges Vergnügen, denn der Eintrittspreis lag bei nur 2,20 DM. Der Zoo war voll besucht und glich eher einem Jahrmarkt, als einem Tierpark. Während viele Tiergehege leer waren (leider auch das der Pandabären), gab es ein Riesenrad, Geisterbahn, Autoscooter u.s.w. . Natürlich sind unsere Kinder alles gefahren. Wie nicht anders zu erwarten waren wir für fast alle chinesischen Zoobesucher mindestens genauso interessant, wie die Schimpansen und Elefanten. Teilweise, und das verwunderte uns fast schon nicht mehr, waren die Tiere in einem erbärmlichen Zustand. Die Besucher reizten sie zudem noch durch Rufen, Klopfen oder durch Beschmeißen mit Steinen und Unrat. (Man sollte meinen, mit Essen spielt man nicht!). Lustig anzusehen waren aber die unzähligen chinesischen Familien, die sich für einen Sonntagsausflug in den Zoo begeben hatten. Die Kinder trotz der Hitze in dicke Wollpullover eingehüllt, dafür aber mit offener Hose. Letzteres muß ich wohl erklären. Da Windeln und Pampers zwar bekannt sind, aber nicht benutzt werden, sind die Hosen der Kleinkinder im Schritt offen. Da die Kinder auch keine Unterhosen tragen, lassen sie es einfach unten durch den Schlitz laufen, wenn es pressiert. Wenn's noch reicht - am Wegesrand - wenn nicht, dann eben auf dem Bürgersteig. Manchmal wünschte man sich als Erwachsener auch so eine Freiheit, denn die öffentlichen Toiletten sind nur für hartgesottene Naturen. Jede Toilette ist mit einer Klofrau (oder -mann) besetzt, die einem für 5 Jiao (etwa 1 Pfennig) den Weg zur Toilette freigibt und einem noch ein etwa 20 x 20 cm großes Stück Zeitungspapier mit auf den Weg gibt. Alle 10 Minuten geht sie mit immer demselben dreckgrauen Wischlappen in das Etablissement um es zu "reinigen". Natürlich wird der Lappen nicht ausgespült und den ganzen Tag verwendet, aber der gute Wille zählt. In ein solches Häuschen hat es uns bisher noch nicht getrieben, denn der Gestank davor treibt einem schon die Tränen in die Augen und läßt jedes Bedürfnis versiegen. rlebnis, aber es ist doch derart anders, wie bei uns, dass ich es doch für berichtenswert erachte. Am späten Nachmittag schnappte ich mir Lars und ging hier in der Nähe zum Friseur um mir die Haare schneiden zu lassen. Schon von weitem sind die Friseursalons zu erkennen, weil sich vor der Tür eine rotierende rot-blaue Spirale befindet. also betrat ich den Salon und dachte ich bekomme nur die Haare geschnitten, wie vor einigen Tagen Daniel. Denkste! Zuerst wurden mir Unmengen von Shampoo in die trockenen Haare gerieben, dann aus einer winzigen Spritzflasche etwa 10 ml Wasser geträufelt. Dann folgte eine 20-minütige Haarwäsche, eher eine Massage. Obgleich die Friseuse kaum größer als 1,50 m war und sehr zierlich, entwickelte sie ungeheure Kräfte auf meiner Kopfhaut. Nach der Massage wurde ich in einen Nebenraum gebeten, wo mir mit kochendheißem Wasser die Seife ausgespült wurde. Inzwischen war meine Kopfhaut so gut durchblutet, dass sie wie Feuer brannte. Dann ging es wieder zurück zum Friseurstuhl, wo mir mit Wattestäbchen die Ohren gereinigt wurden. Schließlich wurde warmes Öl in die Ohren geträufelt. Was dann folgte, war gleichermaßen entspannend, wie furchtbar. Eine halbe Stunde wurde ich massiert; und zwar an allen Akupunkturpunkten (vor allem den schmerzempfindlichen), die sich an Armen, Händen, Gesicht und Rücken befinden. Dann die Finger umgebogen, die Arme verrenkt und mit Handkanten auf meine armen, verspannten Schultern eingetrommelt. Ich dachte die ganze Zeit nur an unseren Tai-Chi-Lehrer, der immer sagt, man soll alle Gliedmaßen locker lassen, damit das "Chi" fließen kann. Und tatsächlich, läßt man locker, läßt sich der Schmerz ertragen. Nach dieser Tortur fühlte ich mich aber sehr gut, so dass ich erwäge, es später noch einmal über mich ergehen zu lassen. Dann folgte das eigentliche Haareschneiden, was aber von einem Mann ausgeführt wurde. Danach wieder Haare spülen unter heißem Wasser, fönen, bürsten. Alles in allem dauert so ein Friseurbesuch eineinhalb Stunden (so lange war ich noch nie beim Friseur) und kostet unglaubliche 58 Yuan, also rund 13 DM. Und was machte Lars die ganze Zeit. Vier bis fünf Friseurinnen kümmerten sich rührend um ihn und brachten ihm chinesisch in Wort und Schrift bei. Er lernte die Schriftzeichen von "Papa", "Deutschland" und "China", die er immer wieder auf eine alte Zeitung malen mußte. Als wir nach hause zurückgingen, war es schon dunkel und das Leben auf den Straßen hatte begonnen. Wo vorher noch leere Bürgersteige waren, hatten Händler ihre Waren ausgebreitet und sich Imbissbuden (Schlangenspieße, gebratene Teigfladen, süße Schweinefleischwürstchen mit Zimtgeschmack...) aufgebaut. auch ein Erqi-Spieler verbreitete seine eigentümliche Musik. (Erqi ist ein chinesisches Streichinstrument mit nur einer Saite und einem etwa konservendosengroßen Klangkörper).

05.04.1999 (Ostermontag)Heute war das Wetter so schön, dass das Tai-Chi im Park stattfand. Gegen Mittag sollten es noch über 22ø C werden. Nach dem Training nahmen wir uns ein Taxi und fuhren in den am südwestlichen Stadtrand gelegenen Longhua- Tempel. Dieser ist der älteste und größte Tempel in Schanghai. Nach der Legende wurde der Tempel von Sun Quang, dem König des Wu-Staates für seine Mutter im Jahr 242 erbaut. Bewiesen ist aber, dass er in der Song-Dynastie (960-1279) gebaut wurde. Der Name Longhua stammt aus der buddhistischen Lehre, denn unter einem Longhua-Baum soll Buddha gesessen haben. Die Tempelanlagen wurden mehrfach zerstört und immer wieder aufgebaut; sie bestehen aus sieben Hallen, in denen sich kostbare Buddhafiguren, Schriftrollen und goldene Siegel befinden. Die vielen Gläubigen - meiner Ansicht nach, waren viel mehr, als in dem Jadebuddhatempel liefen betend mit Räucherstäbchen an die Stirn haltend umher. Touristen waren hier kaum zu sehen, dafür aber viele Mönche, die sich unter das betende Volk mischten. Auf den Stufen der Hallen saßen ältere Leute und formten aus Papier kunstvolle Kronen, die sie dann in das Feuer warfen. Andere aßen Suppe oder Gemüsegerichte, die man für wenig Geld in mehreren "Restaurants" kaufen konnte. Ein Mönch erklärte mir auf chinesisch (hoffentlich stimmt das, was ich so verstanden habe), dass es sich um besondere Speisen handelt, die den Körper rein machen. Auch in dieser Tempelanlage war die Luft derart rauchgeschwängert von den zigtausend Räucherkerzen und verbrennenden Papierkronen, dass einem bald die Augen schmerzten. Im zweiten Hof steht der Glockenturm, ein etwa 15 m hohes pagodenartiges Gebäude mit einer Grundfläche von etwa 5 x 5 Metern. Im oberen Stockwerk hängt eine schwere Bronzeglocke, die anders aussieht, wie unsere Glocken. die buddhistischen Glocken sind eher flacher, großen Kuhglocken ähnlich. gegen eine geringe Spende für das Kloster, konnten die Gläubigen sie schlagen und so ihren Gebeten Nachdruck verleihen. Gegenüber vom Kloster steht die Pagode des Longhua-Tempels, die alle umstehenden Häuser bei weitem überragt. Alle sieben Etagen sind mit den typischen Dachumrandungen versehen. Besichtigen konnten wir sie leider nicht, weil sie wohl gerade renoviert wurde. direkt ans Kloster anschließend befindet sich ein sehr großzügig angelegter Park, in dem gerade die Kirsch- und Mandelbäume zu blühen anfingen. In ihm befindet sich der Friedhof der revolutionären Märtyrer, eine typische, im stalinistischen Stil angelegte, Gedenkstätte. Interessant ist vielleicht die mitten im Park platzierte gläserne Pyramide, in der sich wohl die Gebeine der Märtyrer befinden. Wir sahen sie uns nur von außen an. Rund um den Park und das Kloster unzählige Händler und Geschäfte, die Devotionalien an die Gläubigen verkauften. Dazwischen ein kleines Restaurant, in dem wir alle vier zusammen für unglaubliche drei Mark aßen. Zwar nichts besonderes (Hühnersuppe mit Fleischklößchen, gedämpfte Teigtaschen und gebratene Jiao-Tse), aber es schmeckte lecker und machte satt. Konstanze stört sich zwar immer noch an de schmutzigen Fußböden uns Wänden, die diese Lokale haben, aber dafür isst man dort sehr landestypisch. Das Geschirr ist meist sauber und die Stäbchen sind immer in Plastik verschweißte "Einmalbestecke", also doch recht hygienisch. Ich weiß, ich schreibe nicht nur viel über alltägliche Dinge (siehe gestern), sondern auch viel übers Essen, was nicht unbedingt daran liegt, dass ich so verfressen bin. Mit diesen Schilderungen versuche ich nur klar zu machen, dass man in Deutschland in chinesischen Restaurant nur sehr selten chinesisches Essen bekommt - und das in China schmeckt wirklich besser. als wir am frühen Nachmittag nach hause kamen, rief Frau Ye vom Reisebüro an, um uns mitzuteilen, dass sie immer noch nicht wüsste, von wo unser Schiff abgehen würde, versicherte uns aber, wir würden es schon irgendwie erfahren. Ob sie es bis morgen noch klären könne, also vor unserem Abflug nach Chongqing, wollte ich wissen. "Mei you", lautete die Antwort. Das hört man oft und es bedeutet soviel wie "geht nicht" oder "gibt es nicht". So ist China; also hoffen wir, dass alles gut gehen wird. Vielleicht liegt es auch an dem "mei you", dass Individualreisende in China noch sehr selten sind. Die Gruppenreisenden treffen wir aber immer wieder in der Stadt, stets gehetzt, aber alles voll durchorganisiert. Aber kann man so China auch erleben - oder sieht man nur ein wenig von den Orten? Mit Chinesen bekommt man so jedenfalls keinen Kontakt und das ist sehr schade, denn es sind alles ausnehmend freundliche und hilfsbereite Menschen - zumindest haben wir es bislang nicht anders erfahren. Den Nachmittag nutzten wir zur Vorbereitung der Reise und um im Haus unserer Freunde "Klar Schiff" zu machen.